Virtuelles Handbuch Informationswissenschaft
Patric Hoechst
Die Geschichte des Internet
und die
Entwicklung seiner Benutzerstruktur
Das heutige Internet , welches sich in den letzten Jahren explosionsartig verbreitet hat, vielleicht erst seit zwei bis drei Jahren Gegenstand von Diskussionen und Berichten ist und eine nie dagewesene Freiheit an Kommunikation und Information bietet, ist aus der militärischen Forschung der USA während des Kalten Krieges entstanden.
1. Die Idee von PAUL BARAN
1962 diskutierte PAUL BARAN von der RAND-Corporation in seinem Report "On Distributed Communication Networks", wie das U.S.-Militär sein Kommunikationssystem (hierbei waren natürlich auch Systeme wie Telefonleitungen, Radiostationen und Fernsehsender eingeschlossen) vor ernsten Zerstörungen durch nukleare Angriffe schützen könne, da bei einem Ausfall der entsprechenden Einrichtungen einzelne Befehle, Kommandos und aufklärende Informationen nicht mehr übermittelt werden könnten. Er schlug ein System ohne zentrale Steuerung und Kontrolle vor, bei dem die überlebenden Knoten in der Lage wären, trotz Ausfall anderer Punkte Verbindungen aufrechtzuhalten. Von Anfang an sollte von einem unzuverlässigen Netzwerk ausgegangen werden, das bedeutet das Pentagon strebte eine Informationsstruktur an, die selbst dann noch zuverlässig funktionieren sollte, wenn große Teile defekt oder zerstört wären. Eine große Herausforderung für viele Wissenschaftler und alle Unternehmen, die sich mit Computern, Informations-technologie und militärischen Anlagen beschäftigten.
Wichtigstes Merkmal eines solchen Netzes waren also die verschiedenen voneinander unabhängigen Knoten. Wenn nicht immer nur zwei Punkte miteinander verbunden sind, sondern mehrere Punkte untereinander, gibt es grundsätzlich mehrere Wege von A nach B – wie in den Straßen einer Großstadt. Ist eine Straße zerstört oder gesperrt, wird einfach eine andere benutzt.
Die zweite Besonderheit des "unverwüstlichen Netzwerks" war die Art und Weise, wie die Daten verschickt werden. Jede Nachricht wurde einfach in einzelne "Pakete" mit eigener Adresse aufgeteilt, die unabhängig voneinander ihren Weg durch das Netz zum Empfänger finden und dort wieder zusammengesetzt werden. Dieses Verfahren bietet den Vorteil, daß die Kapazität einer Leitung auf mehrere Benutzer verteilt und so besser ausgenutzt werden kann. Außerdem kann die Übertragungssicherheit durch redundante (überreichliche) Verbindungswege und durch die Möglichkeit der Wiederholung zerstörter und verlorengegangener Pakete erhöht werden. Mit anderen Worten, jedes Paket kann (theoretisch) einen anderen Weg einschlagen und falls die Pakete in einer anderen Reihenfolge eintreffen, ist dies auch kein Problem. Und wenn ein Paket verlorengeht, fordert der Empfänger durch eine kurze Notiz dieses Paket einfach erneut an – und setzt die Informationen zusammen, sobald alle Pakete sicher eingetroffen sind.
2. Die Umsetzung durch die Militärs
Dieses Prinzip wurde von einer Projektgruppe des amerikanischen Verteidigungsministeriums, der ARPA (Advanced Research Project Agency), später dann DARPA (Defense Advanced Research Project Agency), verwendet, um zunächst vier Universitäten und Forschungseinrichtungen (Stanford (San Francisco), University of California (Los Angeles und Santa Barbara), University of Utah (Salt Lake City)) zu verbinden und so die Großrechnerkapazitäten besser ausnutzen zu können. Der erste Vermittlungsrechner des ARPANET wurde am 1. September 1969 an der University of California in Los Angeles in Betrieb genommen und bestand aus einem für damalige Verhältnisse leistungsfähigen Minicomputer (Honeywell 516 mit 12 KB Speicher). Militärische Einrichtungen wurden allerdings erst später eingebunden.

(Das Militär hat den Grundstein für das Internet gelegt)
Damit war der Grundstein für das Internet gelegt, auch wenn das Kind noch nicht diesen Namen trug. Was damals an Science-Fiction grenzte, erscheint heute fast alltäglich. Was jedoch zunächst gewährleistet sein mußte und auch sofort funktionierte: Wenn einer der Rechner oder Verbindungen des Netzes ausfielen, brach deswegen nicht das gesamte Netzwerk zusammen. Dies gilt auch heute noch: Ein Ausfall des gesamten Internets ist kaum vorstellbar. Nur wenn in einem Nadelöhr wie den transatlantischen Leitungen einzelne Stränge ausfallen, kann es zu ernsten Schwierigkeiten kommen.
1972 wurde das ARPANET mit inzwischen 40 Rechnern auf der "First International Conference on Computer Communications" erstmals öffentlich vorgestellt. Auf dieser Konferenz wurde die "InterNetwork Working Group" (INWG) mit dem Ziel gegründet, ein gemeinsames Protokoll für internationale Verbindungen zwischen autonomen Netzwerken zu entwickeln, das unabhängig von der zugrundeliegenden Technologie sein sollte. Es mußte möglich sein, auch über mobile Rechner und Satellitensysteme eine Verbindung mit dem ARPANET zu betreiben. Die daraus entstandene Protokollfamilie "TCP/IP" löste 1982 das bis dahin beim ARPANET verwendete "NCP" (Network Control Protocol) ab.
3. Zugang zu Netzwerken für die breite Masse
Parallel zu der Entwicklung des ARPANET wurde in den Jahren 1979 bis 1983 das CSNET (Computer Science Research Network) aufgebaut. Da der Zugang zum ARPANET durch das Department of Defense kontrolliert und beschränkt wurde, entstand das CSNET aus dem Bedürfnis amerikanischer Universitäten, die keinen Zugang zum ARPANET hatten, den damit verbundenen Nachteil bezüglich Forschung und Ansehen (wichtig für die Rekrutierung von Studenten) wettzumachen. Das 1979 bei den BELL Labs von AT&T entwickelte "Unix-To-Unix-Copy-Protocol" (UUCP) ermöglichte dabei eine einfache Datenübertragung mit Hilfe von Modems über das bestehende Telefonnetz. Die Verbindung zum ARPANET über TCP/IP markierte dann den ersten Meilenstein auf dem Weg zum heutigen Internet. Da TCP/IP kostenlos zur Verfügung gestellt und in das Betriebssystem UNIX integriert wurde, fand das Protokoll rasche Verbreitung und wurde Anfang der 80´er Jahre vom Department of Defense zum nationalen Standard erklärt.
1986 wurde mit dem "NSFNET" (National Science Foundation) ein großer Backbone (Rückgrat), eine Hauptleitung des Internet (Interconnected Networks) in den USA in Betrieb genommen, die 1990 die Rolle des aufgelösten ARPANET übernahm. Die Übertragungskapazität dieser Hauptleitung hat sich von 56 Kbit/s (1986) über 1,5 Mbit/s (T1 Backbone, 1989) auf 45 Mbit/s (T3, 1993) gesteigert.

Ein weiterer Vorteil des Konzepts: Das Netz kann einigermaßen problemlos expandieren. Man muss keine zentralen Ressourcen vergrößern, einer besonderen Administration bedarf es im Grunde nicht. Natürlich braucht man auch in einem dezentralen Netz Verwaltungsinstrumente, anhand derer man sich informieren kann, wo etwas gespeichert ist, denn andernfalls wäre es schwierig, überhaupt eine Information ausfindig zu machen. Diese administrativen Aufgaben werden jedoch dezentral auf alle möglichen Computer und Netzwerke verteilt.
4. Entwicklung der Benutzerstruktur
Eine generelle und zuverlässige Aussage über die Anzahl der Internetnutzer bzw. der ans Internet angeschlossenen Geräte weltweit zu machen ist schwer. Verschiedenen Ausspielwege bzw. Abruftechniken, die teilweise nur kurzzeitig mit dem Internet verbunden bleiben (wie beispielsweise Mobiltelefone mit Netzzugang) erschweren die Erhebung ebenso wie die Möglichkeit der Nutzung von Webzugängen durch mehrere Personen. Relativ zuverlässige Zahlen liefert für die Deutschland die seit 1997 jährlich durchgeführte ARD/ZDF-Online-Studie ( http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/), deren wichtigste Ergebnisse für das Jahr 2009 im Folgenden wiedergegeben werden (genaue Nutzer- und Nutzungszahlen vgl. dort!) .
4.1 Online-nutzung in Deutschland
„Der Anteil der Internetnutzer in Deutschland ist auf 67,1 Prozent (2008: 65,8 Prozent) angestiegen. 43,5 Millionen der bundesdeutschen Erwachsenen sind online - 0,8 Millionen mehr als im Vorjahr. Die größten Wachstumspotenziale werden auch weiterhin von der älteren Generation ausgehen: 96,1 Prozent der 14- bis 29-Jährigen nutzen regelmäßig das Internet, unter den 30- bis 49-Jährigen sind es 84,2 Prozent und bei den Über-50-Jährigen liegt der Anteil der Internetnutzer mittlerweile bei 40,7 Prozent.“
4.2 Veränderung der abgerufenen Inhalte
Ebenso wie die Alterstruktur der Internetnutzer hat sich die Art der abgerufenen Inhalte verändert. „62 Prozent (2008: 55 Prozent) aller Onliner rufen Videos, zum Beispiel über Videoportale oder Mediatheken, ab und schauen live oder zeitversetzt Fernsehsendungen im Internet. 51 Prozent (2008: 43 Prozent) hören Audiofiles wie Musikdateien, Podcasts und Radiosendungen im Netz."
4.3 Web 2.0
Der Begriff Web 2.0 bezieht sich neben spezifischen Technologien oder Innovationen wie Cloud Computing primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Die Benutzer erstellen, bearbeiten und verteilen Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst, unterstützt von interaktiven Anwendungen. Um die neue Rolle des Nutzers zu definieren, hat sich mittlerweile der Begriff Prosumer (Kunstwort aus den Begriffen Producer und Consumer) durchgesetzt. Die Inhalte werden nicht mehr nur zentralisiert von großen Medienunternehmen erstellt und über das Internet verbreitet, sondern auch von einer Vielzahl von Nutzern, die sich mit Hilfe sozialer Software zusätzlich untereinander vernetzen. [Quelle: Wikipedia]
4.3.1 Gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung des Web2.0
Die gesellschaftliche Bedeutung der Web-2.0-Anwendungen lässt sich anhand ihrer Mitgliederzahlen, ihrer Popularität und der Häufigkeit der Nutzung belegen. Facebook ist das größte soziale Netzwerk mit 400 Millionen registrierten Nutzern im Februar 2010; unter den zehn meistbesuchten Websites im gleichen Zeitraum befanden sich laut Alexa mit Facebook, YouTube, Wikipedia und Blogger.com vier Anwendungen des Web 2.0. Die Anwendungen werden besonders häufig von jungen Besuchern (14 - 29 Jahre) genutzt. Der ökonomische Erfolg der Anwendungen hat sich trotz hoher Erwartungen noch nicht eingestellt. Die Umsätze hinken den theoretischen Marktbewertungen hinterher, die sich auf der Basis der jeweiligen Finanzierungsrunden der meist noch nicht am Aktienmarkt notierten Firmen berechnen lassen. Die Unternehmenslenker sind teilweise noch auf der Suche nach dem richtigen Geschäftsmodell. [Quelle: Wikipedia]
Genutzte web 2.0-Angebote 2009
65 % aller Internetnutzer nutzen "zumindest selten" Wikipedia, 52 % nutzen Videoportale und 8 % Weblogs. Die Nutzungshäufigkeit ist bei privaten Netzwerken am höchsten: 13 % nutzen sie täglich, 71 % nie) und bei Weblogs am niedrigsten (1 % nutzen sie täglich, 92 % nie). [Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2009]
Quellen
- ARD/ZDF-Onlinestudie 2009: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/
- Schieb, Jörg, (1997), "Internet – Nichts leichter als das", Ratgeber der Stiftung Warentest
- RRZN, (1996), "Internet - Eine Einführung in die Nutzung der Internet-Dienste", Regionales Rechenzentrum für Niedersachsen / Uni Hannover
- Wikipedia: Geschichte des Internets






